«Die Gratiskultur ist nicht umkehrbar»

«Die Gratiskultur ist nicht umkehrbar»

«Unser Ziel ist es immer, in dem jeweiligen Markt die Nummer eins oder die Nummer zwei zu sein.»

Christian Unger, CEO Ringier AG

Interview: Caspar Busse und Claudia Tieschky (sueddeutsche.de)

Herr Unger, die WAZ-Gruppe und andere ziehen sich gerade aus dem osteuropäischen Medienmarkt zurück. Ringier und Springer wollen gemeinsam expandieren. Einer liegt doch da falsch?

Unger: Es gibt viel Bewegung auf den osteuropäischen Medienmärkten. Vor sechs Monaten haben wir die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens mit der Axel Springer AG bekanntgegeben, vor sechs Wochen wurde das Geschäft endgültig abgeschlossen. Wir können jetzt in Mittel- und Osteuropa einen großen Teil der Märkte abdecken. Es ist gut angelaufen, und wir sind sehr zufrieden.

Die Lage ist aber schwierig: Die Wirtschaftskrise ist besonders in Osteuropa spürbar.

Unger: Viele Medienunternehmen leiden in Osteuropa unter der Wirtschaftskrise - im vergangenen Jahr und auch noch in diesem Jahr. Dazu kommen erhebliche Währungsprobleme, etwa in Ungarn oder in Rumänien. Es ist klar, dass Investoren da überlegen, was zu tun ist. Einige prüfen den Rückzug. Da wird noch einiges auf den Markt kommen.

Ist das eine Chance für Ringier und Springer, wollen Sie zukaufen?

Unger: Ja, wir wollen in speziellen Bereichen in Osteuropa zukaufen, besonders im digitalen Geschäft, also im Internet. Unser Ziel ist es immer, in dem jeweiligen Markt die Nummer eins oder die Nummer zwei zu sein. Da fallen viele Kandidaten durch das Raster. Derzeit haben wir ein bis zwei Projekte ganz konkret vor der Brust, mehr kann ich nicht sagen.

Auch die WAZ-Gruppe will verkaufen. Haben Sie Interesse?

Unger: Wir schauen uns regelmäßig alles an, was auf den Markt kommt. Dazu gehört auch das Portfolio der WAZ-Gruppe, aber beispielsweise auch das des britischen Mecom-Konzerns. Manche verkaufen aber im Krisenjahr nicht, weil ihnen die Preise zu gering sind.

Wie viel Geld haben Sie, um zu investieren?

Unger: Wir sind in Osteuropa hochprofitabel. Aus unserem Cashflow können wir auch größere Übernahmen finanzieren. Zudem könnten die beiden Gesellschafter, also Springer und Ringier, Investitionsmittel zur Verfügung stellen, besonders für die Expansion im digitalen Bereich.

Was ist mit dem geplanten Börsengang des Gemeinschaftsunternehmens?

Unger: Wenn wir eine wirklich große Übernahme stemmen wollen und all das nicht ausreicht, wäre auch ein Börsengang denkbar. Der könnte vielleicht in drei Jahren erfolgen. Aber dazu gibt es derzeit keine Planung. Ein Börsengang ist überhaupt kein Muss.

Das Gemeinschaftsunternehmen gehört zu je 50 Prozent Springer und Ringier. Die Erfahrung sagt: Das kann nicht funktionieren, einer muss das Sagen haben.

Unger: Ich bin da zuversichtlich. Die beiden Verlagshäuser verbindet eine enge Freundschaft, die Kulturen sind sehr ähnlich. Und wir haben Erfahrungen mit solchen Gemeinschaftsunternehmen. Sollte es wirklich zu Unstimmigkeiten kommen, die nicht geklärt werden können, werden sich am Ende Michael Ringier und Friede Springer tief in die Augen schauen und entscheiden.

Springer ist groß, mächtig, aggressiv. Haben Sie keine Angst vor Ihrem Partner?

Unger: Nein. Wir fühlen uns sehr wohl. Wir werden dabei bleiben und weiter investieren. Die Geschäfte in Osteuropa sind der Familie Ringier besonders wichtig.

Ringier musste 2009 massive Umsatzrückgänge in Osteuropa hinnehmen. Wie weit geht es noch runter?

Unger: 2010 werden der Umsatz und der Gewinn in Mittel- und Osteuropa deutlich über dem Krisenjahr 2009 liegen. Das operative Geschäft läuft bis auf ein oder zwei Länder überall gut. In der Krise zeigt sich: Die Werbeindustrie konzentriert sich auf die Marktführer - und das sind meistens wir.

Und beim Ringier-Konzern insgesamt?

Unger: Wir erwarten in der Schweiz keine grundsätzliche Aufhellung des Werbemarktes. Aber wir haben bisher vier Sparprogramme durchgezogen. Der Konzernumsatz wird 2010 auf dem Niveau des Vorjahres liegen, das Ergebnis wird sich deutlich verbessern. Das konsolidierte Ebitda (das operative Ergebnis, d. Red.) wird im dreistelligen Millionenbereich in Schweizer Franken liegen. Und die Auflage unserer Boulevardzeitung Blick ist zum ersten Mal seit zehn Jahren nicht gefallen, sondern stabil geblieben.

Die Medienbranche leidet, auch weil im Internet Inhalte verschenkt werden. Können Sie das in Osteuropa anders machen und Bezahlmodelle doch noch durchsetzen?

Unger: Die Gratiskultur im Internet kann man nicht mehr zurückdrehen. Bezahlangebote im Internet, besonders für Zeitungen, sind ein ganz schwieriges Thema, das funktioniert meistens nicht.

Da liegen Sie aber nicht auf der Linie Ihres Partners, Springer-Chef Mathias Döpfner.

Unger: Wie Mathias Döpfner sehe ich die Zukunft eher in Bezahlangeboten für das iPhone, das iPad oder für Smartphones. Da sind wir auf Linie. Die neue Generation mobiler Endgeräte gibt uns nach der langen Durststrecke im Internet die Chance, wieder Bezahlmodelle einzuführen.

Also wird das Internetangebot Ihrer Boulevardzeitung Blick kostenlos bleiben?

Unger: Ja. Wenn wir im Internet Geld verlangen würden, würden die Zugriffe so stark zurückgehen, dass wir etwa im Anzeigengeschäft deutlich mehr verlieren als wir gewinnen würden. Unsere Inhalte im Internet sind dazu da, Traffic, also Verkehr von Nutzern, zu generieren, und den machen wir dann zu Geld, sei es über Anzeigen oder über Transaktionen, etwa den Verkauf von Konzerttickets. Unsere Inhalte sind die Magneten der Internetwelt, die die Leute auf unsere Seiten ziehen.

Sehen Sie darin keine Gefahr für die journalistische Unabhängigkeit und damit für die Qualität von Zeitung?

Unger: Nein. Das sind getrennte Einheiten. Unsere Ticket-Agentur hat keine Stimme im Newsroom unserer Zeitungen. Journalisten sind und bleiben unabhängig.