«Die Schmerzgrenze ist erreicht»

«Die Schmerzgrenze ist erreicht»

«Wir sind vor allem an Akquisitionen im digitalen Bereich interessiert.»

Michael Ringier, VR-Präsident Ringier AG

Interview: Mathias Frei (Neue Luzerner Zeitung)

Die Zahlen von Ringier haben deutlich gemacht, dass die konjunkturanfällige Medienbranche viele Risiken birgt. Wie will sich Ringier in diesem Umfeld erfolgreich bewegen?

Michael Ringier: Für unser Unternehmen ist ein solches Wirtschaftsumfeld zwar nichts Neues, doch der jetzige Abschwung ist wohl der schwerste, den ich je erlebt habe. Das hat uns veranlasst, Geschäftsfelder auszubauen, die viel stabiler sind als der reine Printmedienbereich – vor allem in den vergangenen ein bis zwei Jahren. Das sieht man beispielsweise in unserem Unterhaltungsbereich oder den Internet-Aktivitäten. Solche Felder sind vor konjunkturellen Abschwüngen besser gefeit als der Printbereich.

Das heisst, Ringier verschiebt den unternehmerischen Schwerpunkt immer mehr in andere Bereiche, weg vom klassischen Mediengeschäft?

Ringier: Genau, natürlich wollen wir auch im Printgeschäft investieren und innovativ bleiben. Aber gleichzeitig beabsichtigen wir, die Unternehmensbasis solcher stabilen Geschäfte erheblich zu vergrössern. Selbstredend in Bereichen, die mit unserer Firmenkultur vereinbar sind, wie der Unterhaltungsbereich.

Die Redaktionen haben 2009 vier Sparrunden über sich ergehen lassen müssen. Stehen in diesem Jahr noch weitere an?

Ringier: Im Moment sehe ich keinen Bedarf. Ich bin sogar leicht zuversichtlich, dass wir in den Redaktionen wieder mehr Leute beschäftigen werden. Denn in der Medienbranche kann man heute nur noch exklusiven Inhalt gut verkaufen. Mit einer weiteren Ausdünnung der Redaktionen ist dies aber nicht möglich.

Können Sie die Neueinstellungen quantifizieren?

Ringier: Nein. Doch ich sehe, wie hart unsere Redaktoren an den einzelnen Titeln arbeiten. Ich mache deshalb kein grosses Abbaupotenzial mehr aus. Die Schmerzgrenze ist erreicht. Bei einer wirtschaftlichen Erholung dürfte deshalb die Beschäftigtenzahl wieder etwas steigen.

Ein Prestigeprojekt von Ringier war die ganze Cash-Plattform mit der bereits eingestellten Gratiszeitung «Cash Daily». Wie geht es mit dem Internetportal Cash weiter?

Ringier: Das ist noch offen. Wir haben die Cash-Redaktion gestrafft und die Gratiszeitung eingestellt. Die wirtschaftliche Lage zwang uns dazu, ansonsten hätten wir 2009 einen horrenden Verlust erlitten.

Zum neuen Newsroom der Redaktion gehört Cash nicht dazu. Wäre die Integration von Cash eine Lösung?

Ringier: Das ist denkbar und würde auch Sinn machen. Es könnte sein, dass die Cash-Redaktoren einen Beitrag zur wirtschaftlichen Berichterstattung beim «Blick» machen. Das löst aber nicht das Grundproblem, denn für Cash fehlt ein zusätzliches Geschäftsmodell. Cash ist in der heutigen Form etwas zu klein.

Im Inland ist der Konzentrationsprozess in der Medienbranche an Grenzen gestossen. Im internationalen Vergleich ist Ringier kein übergrosser Akteur und deshalb attraktiv für die Konkurrenz.

Ringier: Das mag sein, doch wir haben kein Interesse, das Unternehmen zu verkaufen. Um die Firma in der Familie zu behalten, versuchen wir sogar das Risiko zu mindern, indem wir grosse Investitionen mit ausländischen Partnern machen. Das haben wir zuletzt durch die Zusammenlegung der Osteuropa-Aktivitäten mit Axel Springer getan.

Wie viele Arbeitsplätze werden in der Schweiz dadurch entstehen?

Ringier: In Zürich werden einige Arbeitsplätze beim Holdingsitz geschaffen. Doch wir versuchen, die Firma personell schlank zu halten.

Was erhoffen Sie sich von diesem Zusammenschluss?

Ringier: Wir sind überzeugt, dass diese Länder wieder ein gewisses Wachstum aufweisen werden. Je nach Land sind die Erwartungen aber verschieden, weil diese Märkte nicht homogen sind. Der Zusammenschluss soll uns zudem vor neuen Abschwüngen besser schützen.

Sind dort weitere Käufe geplant?

Ringier: Absolut. Wir sind vor allem an Akquisitionen im digitalen Bereich interessiert. Auch Neugründungen unsererseits sind möglich. Dasselbe gilt auch für das Printgeschäft in dieser Region.

Was ist von Märkten wie Vietnam und China zu erwarten?

Ringier: Auch dort wollen wir noch mehr investieren. Vietnam ist aber noch ein winziger Markt. Auch der chinesische Medienmarkt ist vor allem für Ausländer noch ziemlich klein. Zusätzliche Partnerschaften will ich aber nicht ausschliessen.

Investiert hat Ringier auch im Druckzentrum Adligenswil. Wie wichtig ist die Druckerei für Ringier?

Ringier: Sehr, die Leute in Adligenswil machen ihre Arbeit sehr gut.

Es gibt aber zu viele Druckereien in der Schweiz. Was bedeutet das für den Standort Adligenswil?

Ringier: Das ist noch nicht klar. Doch es kann durchaus sein, dass wir die nächste Investition dort mit Partnern machen werden. Das steht zurzeit aber nicht zur Diskussion, weil die grossen Medienhäuser in der Schweiz alle in ihre Druckereien investiert haben.